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Kulawik_2019_Haller

Hallers kleine Kugel und das Großraumbüro:

Das USM Haller Möbelsystem vor dem Hintergrund der Stahlbausysteme und der Einführung des Großraumbüros

Bernd Kulawik

 

 

 

Einleitung

 

Die kleine Kugel, das zentrale Gelenkstück des USM Haller Möbelsystems, ermöglichte ebenso sinnbildhaft wie praktisch eine Veränderung in der Bürowelt, die sich zwar nicht in dem Umfang realisiert hat, wie ihre Erfinder dies erhofft hatten. Doch die Kugel birgt ein Potential, das heute, im Zeitalter elektronischer Textverarbeitung und des – theoretisch – papierlosen Büros sowie der weltweiten Vernetzung und gleichzeitigen Kooperation an Dokumenten und Daten, nicht ausgeschöpft ist.

Der Beitrag soll die Interdependenz zwischen dem kleinsten Element des bekannten Möbelbausystems der Firma USM und Hallers mit dieser Firma entwickelten Stahlbausystemen Mini, Midi und Maxi für veränderbare Bauten sowie den dahinter stehenden Gedanken aufzeigen, der flexibles und nachhaltiges Bauen mit Systemen zum Ziel hatte. Ausgehend von Hallers Biographie und seinem Kontakt zu Paul Schärer wird diese Interdependenz der einzelnen Bausysteme und die daraus resultierende Funktionalität des Möbelsystems im Großraumbüro aufgezeigt. Sie sollte eine Reduktion hierarchischer Strukturen und eine Flexibilisierung des Arbeitens in projektbezogen wechselnden Gruppen ermöglichen.

 

Zur Vorgeschichte der Systeme Hallers

 

Erwähnt man den Namen Fritz Hallers, so weiß in der Regel kaum jemand, etwas mit diesem zu verbinden – es sei denn, die Gesprächspartner seien Architekten mit einem Interesse an industriellem Bauen, Möbeldesigner oder Innenarchitekten. Fügt man aber hinzu, dass man vom Erfinder des USM Haller Stahlbau-Möbelsystems spricht, können selbst Laien mit diesem Namen eine konkrete Vorstellung verbinden. Das System findet sich ein halbes Jahrhundert nach seiner Markteinführung nicht nur in vielen Büros mit »gehobenem« Besucherverkehr – in Arztpraxen und Anwaltskanzleien und sogar in deren Nachbauten in Tele-Novelas –, sondern auch in Optiker- oder Schuhgeschäften. Darüber hinaus ist es Bestandteil vieler privater Inneneinrichtungen, nicht zuletzt aufgrund seines zeitlos-modernen Erscheinungsbildes, das ihm den Status eines Klassikers der Nachkriegsmoderne und prominente Plätze in Designmuseen eintragen hat.

Fritz Haller wurde 1928 in Solothurn als Sohn des Architekten Bruno Haller geboren, besuchte eine Berufsschule und ging 1949 in die Niederlande, um Auslandserfahrungen zu sammeln. Kaum angekommen, erreichte ihn die Nachricht, dass sein Wettbewerbsbeitrag für ein Schulhaus der Gemeinde Buchs bei Aarau mit dem ersten Preis ausgezeichnet und zur Ausführung bestimmt worden sei. Er kehrte zurück in die Schweiz, wo er für dieses erste Projekt Schulmöbel entwarf, die zwar für die 1950er Jahre nicht ungewöhnlich erscheinen, aber schon eine Tendenz zu klarer Struktur und modularem Aufbau erkennen lassen.

Nachdem er mit dem Vater vor allem Umbauten ausgeführt und an verschiedenen Wettbewerben teilgenommen hatte, steuerte er 1955 u.a. die Möbelentwürfe für das Haus des befreundeten Architekten Hans Zaugg bei. Dieser gehörte mit Franz Füeg, Fritz Haller u.a. zu einer Gruppe, für die später die Bezeichnung Solothurner Schule vorgeschlagen wurde, obwohl Zusammenhang und -arbeit offen waren und keinen schulmäßigen Charakter trugen. Die von dieser Gruppe geschaffene sogenannte Jurasüdfußarchitektur zeichnete sich durch eine klare Formensprache bei rationaler, oft industrieller Bauweise aus.

1957 errichteten Vater und Sohn Haller gemeinsam ein Einfamilienhaus, an dem die tragende Rahmenkonstruktion, welche die Wände entlastete, sowie die Rasterung des Grundrisses auffallen. Selbst Dimensionen und Aufstellung der Möbel wurden im Entwurf diesem Raster unterworfen. Ähnliches gilt für einen ungefähr zeitgleichen, jedoch nicht ausgeführten Gartenpavillon, der in seiner offenen Struktur aus rechteckigen Flächen über einem ebenfalls durchgehenden Raster an den Barcelona-Pavillon Mies van der Rohes erinnert.

Aus dem Jahr 1958 stammt ein Entwurf für ein Mehrfamilienhaus, von dem mehrere Ausführungen in einer Überbauung in Solothurn realisiert wurden. Auch hier waren Aufstellung und Dimensionen der Möblierung in den Privatwohnungen mit eingeplant. Der Entwurf verfügt durch die Unabhängigkeit der nicht tragenden Wände vom Stützensystem über variable Grundrisse. Die Planungen für dieses Ensemble gehen auf das Jahr 1952 zurück, sodass man hier den Beginn jener Überlegungen Hallers ansetzen darf, die er später zu dem für sein Schaffen grundlegenden Prinzip weiter entwickelte: dass der Neubau eines Gebäudes nur ein Sonderfall des Umbaus sei und daher Flexibilität sowie Multifunktionalität grundlegende Elemente jedes Entwurfs sein müssten.

Aber nicht nur für Wohnhäuser und sein nächstes, internationale Beachtung findendes Schulhaus am Basler Wasgenring hat Haller mit Stützen-Raster-Systemen und darin eingepasster Möblierung experimentiert, sondern auch für Verwaltungsbauten, z.B. für seinen Entwurf eines Stadthauses mit Kongresshalle in Olten. Dieser erhielt zwar im Wettbewerb den ersten Preis, gelangte jedoch nicht zur Ausführung. Die im Archiv erhaltenen Entwürfe und einige Innenperspektiven lassen nicht nur erkennen, dass das gesamte Ensemble aus drei Gebäuden modular mit austauschbaren Elementen aus Stahl und Glas errichtet werden sollte, sondern auch, dass für die Inneneinrichtung ein in dieses Modulraster integriertes Möbelsystem geplant war, das vermutlich erst hätte entwickelt werden müssen.

Ein weiteres Beispiel für einen Bürobau mit Ansätzen zu einem (kleinen) Großraumbüro, bei dem ebenfalls Architektur und Möblierung einem gemeinsamen Raster unterworfen wurden, ist der Entwurf für ein Versicherungsgebäude in Winterthur. Daneben entwarf Haller für sein eigenes Architekturbüro in den 1950er Jahren Möbel, die erkennbar modular strukturiert waren und über ein zumindest teilweise stählernes Rahmengerüst verfügten.

 

 

Fritz Haller und Paul Schärer: Stahlbausysteme

 

1960 lernte Fritz Haller über Theodor Fässler, an der ETH Zürich Professor für Betriebswirtschaftslehre und später Leiter der Spezialgeräte-Firma Mikron, dessen Assistenten Paul Schärer (junior) kennen. Dieser hatte Ingenieurwesen und Betriebswirtschaft studiert und entstammte einer Familie, welche die seit 1885 in Münsingen bei Bern ansässige Firma USM (Ulrich Schärer's Söhne Münsingen) betrieb. USM lieferte Bau- und Fensterbeschläge, und dem jungen Paul Schärer war recht früh deutlich geworden, dass die Entwicklung seiner Firma sowohl eine Ausweitung der Produktpalette als auch der Produktion erfordern würde. Zu diesem Zweck sollte bei Münsingen eine neue Fabrik errichtet werden. Da aber noch nicht abzusehen war, wie und wohin sich die Produktion entwickeln könnte, galt als eine der Voraussetzungen, dass der Neubau so flexibel wie möglich sein sollte. Zugleich überlegte man wohl, ob das hierfür zu entwickelnde Bausystem als eigenständiges Produkt für die Erstellung flexibler Industriebauten vermarktet werden könnte.

Wie auf den ersten Entwürfen für das neu zu bebauende Fabrikgelände zu erkennen ist, rechnete man mit einer erheblichen Ausweitung der Produktion. Hierfür waren Anbauten wie ein überdachter Hof sowie ein ein- oder zweigeschossiger Büropavillon für die Verwaltung vorgesehen. Dieser sollte neben dem eigentlichen Fabrikgebäude errichtet, aber mit ihm in ein gemeinsames Raster eingebunden werden, welches das gesamte Gelände gliederte.

Für die Fabrik selbst entwickelte Haller das später USM Maxi genannte System aus Stützen, Wandelementen und Fachwerkträgern, die Stützenabstände von 14,40 Metern überspannen konnten. Dieses System war zwar grundsätzlich für eingeschossige Fabrikationshallen gedacht, wurde aber bereits im ersten Fremdprojekt für die Firma Agathon AG auch zweigeschossig eingesetzt.

Dass und wie USM sich entwickelte, ist auf Luftaufnahmen gut zu erkennen: Bei Ausrichtung nach Norden erscheint links, am westlichen Rand des Fabrikgeländes direkt an der Thunstraße, die ursprüngliche, später nach drei Seiten um zeilenweise angefügte Raumzellen erweiterte Halle, während sich im Süden und Osten des Geländes später zwei weitere große Hallenbauten anschlossen, die den mit der ersten Halle errichteten Büropavillon als dreiflügelige Anlage über gemeinsamem Raster umgeben. 

Für diesen Pavillon entwickelten Haller und Schärer ein eigenes System, das in der Standardversion halb so hoch und in der Breite ein Teilwert von USM Maxi sein sollte, damit es in dieses eingebaut werden konnte. Konsequenterweise wurde es USM Mini getauft. Seine Einzelelemente sind 2,40 Meter hoch und 1,20 breit. Diese Maße erklären sich daher, dass als kleinste Einheit der Module der Dezimeter festgelegt wurde und sich Systemeinheiten aus zwölf Elementen in Gruppen zu 2, 3, 4 und 6 Elementen unterteilen lassen. Diese Grundrasterung findet sich als Standardmaß von 60 Zentimetern in den ersten Tischen und Rollboys des Möbelsystems wieder.

Das Mini-System konnte ebenfalls zweigeschossig eingesetzt werden und fand schon früh nicht nur für Verwaltungsgebäude Verwendung, sondern auch für Verkaufspavillons oder Einfamilienhäuser – u.a. das für Paul Schärer neben der USM-Fabrik errichtete –, aber auch für Labore, Bahnwärterhäuschen, Bushaltestellen und anderes mehr.

Ergänzt wurden USM Maxi und Mini später durch die im Grundraster dazwischen angesiedelten Systeme USM Midi 600 und Midi 1000. Diese wurden speziell für mehrgeschossige, hochinstallierte Büro-, Schul- und Verwaltungsbauten eingesetzt. Als prominentestes Beispiel in der Schweiz sei der mehrfach ausgezeichnete Trakt für Naturwissenschaften der Kantonsschule Solothurn genannt.

 

Büro-Möbel als Ergänzung der Stahlbausysteme

 

Schärer und Haller betonten mehrfach, dass sie sich bei der Planung des USM-Büros auf fremde und eigene Studien zur Arbeitsproduktivität gestützt hätten, aus denen hervorgegangen sei, dass die Arbeit in Großraumbüros rund 25 Prozent effektiver verrichtet werden könne als in den damals in der Schweiz verbreiteten Einzel- und Kleinbüros. Dazu wurden u.a. schematisch Weglängen und Häufigkeiten der Wegnutzung im Arbeitsablauf erfasst. 

Die beiden Initiatoren gingen in ihren Überlegungen noch weiter: Sie nahmen an bzw. setzten voraus – vermutlich aufgrund bereits vorhandener Erfahrungen bei USM –, dass die Aufträge der Firma in Form von Projekten bearbeitet werden würden, für die sich die einzelnen Mitarbeiter immer wieder in neuen Arbeitsgruppen für begrenzte Zeit zusammen finden müssten. Es ging also nicht einfach darum, eine moderne Bürolandschaft zu schaffen, sondern im Zentrum stand das Interesse an der Flexibilität der Arbeitsplatzanordnung. Daraus leiteten sie ab, dass die Möbel nicht nur leicht und damit einfach zu verschieben sein sollten, sondern sogar selbst immer wieder umstrukturiert werden müssten. Da es auf dem damaligen Markt für Büromöbel nichts gab, was ihren Vorstellungen entsprach, entwickelten sie diese Möbel also selbst: Die ersten Beispiele bestanden zum Teil noch aus Holz und verfügten nur über stählerne Stützen, aber schon bald, noch in der ersten Experimentierphase, wechselte man vollständig zum Stahl, denn die Arbeit mit Stahlblechen und -verbindungen war schließlich traditionell die Stärke der Firma USM. Außerdem konnte man so auch darauf verzichten, spezielle Holzelemente anfertigen zu lassen oder von Zulieferfirmen einkaufen zu müssen.

Die ersten Stahlmöbel ähneln zwar dem späteren System, sind aber als Vorstufen anzusehen: Sie verfügten an den Knotenpunkten über Verbindungen, die nicht an die spätere Kugel andockten, sondern mittels fester Stutzen in die Stahlrohre übergingen.

Was man jedoch damals schon realisierte, war die Öffnung der Regale nach gegenüberliegenden Seiten. Schärer und Haller waren nämlich der Überzeugung, dass in einem wirklich flexiblen Büro alle für die gemeinsame Arbeit wichtigen Akten nicht mehr in einem Schrank, auf einem bestimmten Schreibtisch oder gar in abgeschlossenen Schubladen aufbewahrt werden durften, sondern jederzeit allen zugänglich sein müssten, die diese für ihre Arbeit benötigten: Die heute übliche gemeinsame Server-Ablage für digitalisierte Dokumente im firmeninternen Netzwerk oder der Cloud kann man sehr wohl als Weiterentwicklung dieser Idee im digitalen Zeitalter ansehen. Der Benutzer sollte also nur noch seine persönlichen Utensilien in einem Rollboy aufbewahren, also in einem Rollcontainer mit Schubladen und Ablage, der sich unter dem jeweiligen Arbeitstisch platzieren lässt. Die Angestellten konnten also jederzeit an den Arbeitsplatz wechseln, an dem sie gebraucht wurden. Entsprechend bestehen die Schreibtische des Systems nur noch aus vier Beinen und Tischplatte – keine Fächer, Schubladen und Blenden, in oder hinter denen etwas für andere unzugänglich abgelegt werden könnte. 

Damit war eine Hierarchisierung der Arbeitsplätze – ob im Großraum- oder im Einzelbüro – praktisch nicht mehr möglich: An die Stelle wuchtiger Schreibtische aus edlen Hölzern, die in ihrer Größe und der Anzahl der (verschließbaren) Schubfächer gemäß der Bedeutung des Benutzers variierten und so eher den Rang in der Firmenhierarchie als praktische Arbeitsmöbel darstellten, sollte die einfache, für alle Angestellten gleiche Tischplatte treten.

 

Abbildung 1: Knoten des USM Haller Möbelsystems aus Kugel und Rohren.

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Quelle: http://www.usm.com/de-ch/bilder-dokumente

 

Die Experimente und Entwicklungen am Möbelsystem zogen sich über einige Jahre hin. Haller betonte mehrfach, dass der Anteil der erfahrenen USM-Handwerker an den Versuchen und am Finden der verschiedenen Zwischenlösungen kaum hoch genug eingeschätzt werden könne. Am Ende stand mit der Kugel als Verbindungselement zwischen den Rohren eine Lösung, die im Wesentlichen bis heute unverändert geblieben ist, sodass man Teile von 1965 mit denen von heute noch immer kombinieren kann. Lediglich Feinheiten der Klemmverbindung haben sich in den letzten fünf Jahrzehnten geändert, aber sie lassen sich problemlos durch die neuen Elemente austauschen und mit der unveränderten Kugel verbinden.

Kam die Anregung für das Möbelsystem aus dem Eigenbedarf der Firma und entsprach zweifellos dem Wunsch Hallers und Schärers nach einem konsistenten Satz miteinander kombinierbarer Baukastensysteme für industrielles Bauen in verschiedenen Dimensionen, so finden sich die Möbel bald auch in anderen Bauprojekten wie der Sparkasse Kriegstetten, die 1965 fertiggestellt wurde. Dort wurde selbst der Kundenraum – in der Regel in Banken eine imposante, Bedeutung, Seriosität und Sicherheit suggerierende Schalterhalle als Ausdruck strenger Hierarchien – in ein offenes Büro umgewandelt, in dem sich Bankvertreter und Kunde als gleichberechtigte Partner an einfachen Tischen gegenüber saßen. Haller konnte die Auftraggeber überzeugen, dass das Vertrauensverhältnis zwischen Angestellten und Kunden aus dem ländlichen Umfeld durch die typische Bankschaltersituation eher gestört würde und es daher besser sei, eine offene Lösung zu realisieren. Obwohl das für das Gebäude verwendete Stahlbausystem nicht einem der bereits entwickelten USM-Systeme entsprach – man könnte es als Vorläufer des USM Midi ansehen –, fügten sich die Möbel in das Raster des gesamten Gebäudes ein. So konnten sie ihre Position ebenso wie die nicht-tragenden Zwischenwände des Gebäudes jederzeit ändern und unterschiedlichen Nutzungskonzepten angepasst werden. 2004 wurde nach zwischenzeitlichen Veränderungen der ursprüngliche, als denkmalschutzwürdig erachtete Zustand weitgehend wieder hergestellt.

Selbst Nebenfunktionen wurden in den Entwürfen für das Möbelsystem früh realisiert: So entwarf Haller für den Eingangsbereich der Agathon AG Mitte der 1960er Jahre einen Empfangstresen. Ein weiterer Bestandteil traditioneller Büroeinrichtungen wurde bereits berücksichtigt: Auf den ersten Fotos aus dem USM-Büropavillon ist zu erkennen, dass selbst die als Raumteiler fungierenden Blumenbänke mit dem Möbelsystem hergestellt werden konnten. Haller entwarf sogar für nebensächliche Funktionen Elemente, die mit dem System kombinierbar waren, z.B. Haltevorrichtungen für Monitore. 

Es mag erstaunen, dass Stühle nie Bestandteil des Möbelprogramms wurden. Dies ist damit zu erklären, dass sie nicht mit den restlichen Möbeln verbunden waren und daher nicht in das Baukasten-System integriert werden mussten. Außerdem sah Haller in den Entwürfen von Charles und Ray Eames – selbst Klassiker des modernen Designs – zeitlose und bestens geeignete Lösungen, die entsprechend in vielen Büros mit USM-Ausstattung stehen.

Die Flexibilität des Systems verleitete einige Innenarchitekten dazu, es sogar – wie z.B. wie im Empfangsraum der damaligen Schmidt-Bank in Nürnberg – für die Wand- und Deckenverkleidung zu benutzen. Haller selbst entwarf ein Gesamtensemble für den USM-Showroom in Paris, der leider nicht mehr existiert. In ein älteres, hohes Ladengeschäft wurde ein Zwischengeschoss mit dem System USM Mini eingefügt, während die Wände hinter einem durchgehenden Wandregal verschwanden. Dabei handelte es sich jedoch um Regale für die Aktenablage, nicht nur um eine Verkleidung aus Stahlblech wie in Nürnberg.

 

Abbildung 2: USM Möbelsystem im Großraumbüro (Hallenbau: USM Maxi).

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Quelle: http://www.usm.com/de-ch/bilder-dokumente/bilder

 

Auf Werbefotos für das Möbelsystem – die anhand der Konstanz des beworbenen Objekts ein interessantes Studienobjekt für die Entwicklung von Werbestrategien der letzten Jahrzehnte darstellen dürften – sieht man immer wieder die flexible Verwendung der Elemente und ihre Anordnung als einfache Regale und Schränke oder als raumgliedernde, von beiden Seiten zugängliche Regalwände und Raumteiler mit Regalfunktion. Damit entspricht fast jede dieser Einrichtungsvarianten den ursprünglichen Vorstellungen Hallers und Schärers von einem flexibel nutzbaren (Großraum-)Büro, in dem die Mitarbeiter in leicht zu erstellenden Ensembles als Ad-hoc-Gruppen zusammenarbeiten. Die Bildung dieser Ensembles ist nur möglich, wenn das System keine (Aus-)Richtung bevorzugt oder ausschließt. Und dies ist wiederum nur dank der kleinen Kugel möglich.

Alle Funktionen und Anwendungen beruhen im Kern also darauf, dass die kleine Kugel als Knotenelement eine – entlang der Achsen des orthogonalen dreidimensionalen Raumes – omnidirektionale, prinzipiell unendliche Reihung der Elemente ermöglicht, die zugleich eine flexible, wandelnden Anforderungen entsprechende Raumaufteilung und Nutzung erlaubt. Insofern kann man im USM-Möbelsystem eine perfekte Verschränkung des kleinsten Elements mit der größten denkbaren Anwendung realisiert sehen. Die Möbel ließen sich perfekt in das Raster der Stahlbausysteme USM Mini und Midi einpassen und diese wiederum in das System Maxi für Großbauten. Zu Recht konnte USM deshalb in einer Anzeige aus dem Jahr 1972 behaupten, dass die Firma der kleinen Kugel «alles» verdanke. Hatte man sich in den 1960er Jahren noch damit zufrieden gegeben, das Möbelsystem nur gemeinsam mit den Bausystemen zu installieren, entschloss man sich 1969 nach einer Firmenbesichtigung durch eine Kommission des französischen Bankhauses Rothschild, das universelle Möbelsystem auch unabhängig von den Stahlbausystemen zu vermarkten.

 

Das Büro-Möbelsystem: Anregung für nachhaltiges Bauen heute

 

Inzwischen sind die Stahlbausysteme Hallers (USM Maxi, Midi und Mini) leider fast vergessen, obwohl sie im Zuge aktueller Forderungen nach Nachhaltigkeit, Umweltfreundlichkeit durch Rückbaubarkeit und Flexibilität im Bauen eine Renaissance erleben müssten. Tatsächlich lassen sich gelegentlich Neuentwicklungen finden, die – vermutlich unabhängig von ihren Vorläufern aus dem Haus USM bzw. in Unkenntnis derselben – ähnliche Lösungen mit industriell vorfabrizierten Teilen aufweisen, z.B. für den schnellen Bau von Hochhäusern. Allerdings ist mir kein Fall bekannt, der eine vergleichbar systematische Abstimmung aller Elemente – vom kleinsten Büroelement bis zum größten Stahlträger – realisierte.

In stärkstem Kontrast dazu steht die gegenwärtig sich rasant ausbreitende sogenannte Investorenarchitektur, für die eine Lebensdauer in Länge der Amortisationszeit von ca. 30 Jahren angegeben wird. Danach kann sie durch Neues ersetzt werden. Obwohl viele dieser Bauten aus einheitlichen Tragkonstruktionen bestehen, die nur durch unterschiedliche, vorgehängte Fassaden dekoriert oder in nicht zweckmäßigen Formen mit schiefen Winkeln versteckt werden, steht dieses Denken im Gegensatz zu jener Nachhaltigkeit, die mit Blick auf die schwindenden Ressourcen und angesichts des wirtschaftlichen Aufstiegs bevölkerungsstarker Länder wie China, Indien oder Brasilien zu Recht gefordert werden muss. 

Das Haus als Maschine und seine Einrichtung, auch die des Büros, scheinen sich nur noch an Moden und kurzlebigen austauschbaren Elementen wie Computer und Kopiergerät, jedoch nicht an langfristig nutzbaren Vorbildern zu orientieren. Zwar scheint es hinsichtlich des Büros eine Gegenbewegung zu jenem Cubicle zu geben, das als Gegenbewegung zum Großraumbüro entstand, diese lässt aber vor allem eine stärkere Hierarchisierung zwischen Angestellten, die im Großraumbüro arbeiten, und den höher gestellten Mitarbeitern mit eigenen Büros erkennen. Dass sich ausgerechnet in diesen häufig Hallers kostspieliges, aber langlebiges USM-Möbelsystem findet, könnte als Ironie der Design- und Architekturgeschichte gesehen werden. Aber auch für das Großraumbüro selbst sind mir keine Beispiele für eine möglichst flexible Nutzung bekannt, die das von Haller und Schärer angestrebte Zusammenarbeiten in zeitlich begrenzten Gruppen unterstützen würden: Auch hier scheinen sich eher Hierarchisierung und Abgrenzung im Status und dessen Repräsentation zu zeigen.

Im Unterschied zu den inzwischen eingestellten Stahlbausystemen Maxi, Midi und Mini bestimmt das USM Haller Möbelsystem heute nicht nur die Produktpalette von USM, sondern wurde zu einem Markenzeichen für klassisches, funktionales Design, das als Beispiel für Moderne im besten Sinne selbst die Postmoderne überlebte und häufig auch im privaten Umfeld anzutreffen ist.

Hallers Stahlbausysteme und besonders das Möbelsystem mit der kleinen Kugel als zentralem Knotenelement sind ein Lösungsansatz, dem wieder eine breite Rezeption und ein Aufgreifen oder eine Weiterentwicklung seitens der Architekten und Designer zu wünschen ist. Hallers Systeme sind vorbildlich mit Blick auf einen bewussten und sparsamen Einsatz natürlicher Ressourcen, eine auf Wiederverwendbarkeit gründende Nachhaltigkeit und eine systematische Flexibilität und Kombinierbarkeit, die kleinste und größte Elemente über alle baulichen Hierarchie- und Strukturebenen hinweg konstruktiv verschränkt. Vorbildlich sind die Systeme aber auch mit Blick auf ihren ursprünglich intendierten, quasi demokratisierenden Einfluss auf die Arbeitsumgebung Büro durch die Reduktion von Hierarchien und ihrer Design gewordenen Repräsentation. 

 

 

Literatur

 

Fink, Caroline: »SIA-Preis für Kanti Solothurn. Die Kantonsschule erhält eine Auszeichnung für nachhaltiges Bauen«, in: Neue Mittelland Zeitung / Solothurner Zeitung, 22.9.1997, S. 7.

Graser, Jürg: Gefüllte Leere. Das Bauen der Schule von Solothurn – Barth, Zaugg, Schlup, Füeg, Haller,  Zürich: gta 2014.

Haller, Bruno/Haller, Fritz: »Stadthaus und Stadtzentrum Olten«, in: bauen+wohnen 13 (1959), S. 10–18.

Haller, Bruno/Haller, Fritz: »Wohnhaus Steiner in Bellach«, in: bauen+wohnen 13 (1959), S. 272–275.

Haller, Fritz: »MIDI-Armilla«, in: Heinz Kuhnle/Stefan Fuchs (Hg.), Die technische Universität an der Schwelle zum 21. Jahrhundert. Festschrift zum 175jährigen Jubiläum der Universität Karlsruhe (TH), Berlin u.a.: Springer 2000, S. 261–271.

Haller, Fritz: »Wohnmöbel in Architektenhaus«, in: bauen+wohnen 15 (1960), Heft 11.

Kopp, Mirjam: »Rückbau auf das Wesentliche gelungen: Die neu gestaltete Niederlassung der Baloise Bank SoBa wurde wieder eröffnet«, in: Solothurner Zeitung, 6.9.2004, S. 13.

Schärer, Paul: »Gedanken zur Arbeit im Großraum«, in: bauen+wohnen 8 (1965), S. 334.

Snozzi, Luigi: »Betrachtungen über die Solothurner Gruppe«, in: Werk, Bauen + Wohnen [Schweizer Ausgabe] 68 (1981), S. 1416.

Stalder, Laurent/Vrachliotis, Georg (Hg.): Fritz Haller – Architekt und Forscher,  Zürich: gta 2016.

USM Stahlbausysteme «Haller». »Zwei Bausysteme für Fabrikbauten (Maxi) und für Arbeitsräume sowie Wohnungsbauten (Mini)«, in: Schweizerische Bauzeitung 87 (1969), S. 442–443.

Wälchli, Roland: »Drei Wettbewerbe für das Oltner Stadtzentrum«, in: Oltner Neujahrsblätter (1992), S. 22–27.

Zaugg, Hans: »Möbel im Wohnhaus Zaugg«, in: bauen+wohnen 10 (1956), S. 311–312.